Der Frühling ist für viele Mütter neurodivergenter Kinder eine besonders intensive Zeit. Während die Natur aufblüht, werden Nervensysteme empfindlicher, Routinen instabiler und alltägliche Anforderungen größer. Ob ADHS, Autismus, Hochsensibilität oder andere Formen von Neurodivergenz – der Jahreszeitenwechsel wirkt sich oft stärker aus, als viele denken.
Vielleicht sind deine ersten Vorsätze schon dahin. Vielleicht spürst du gerade mehr Müdigkeit, emotionale Überforderung, Unruhe oder innere Erschöpfung. Frust es wieder nicht zu schaffen, was du dir vorgenommen hast Dein neurodivergentes Kind reagiert empfindlicher auf Reize, Temperaturwechsel, Lichtveränderungen oder den neuen Kita- und Schulrhythmus. Und du selbst funktionierst einfach weiter, obwohl dein eigenes Nervensystem längst nach Entlastung ruft.
Der Frühling zeigt dir leise, aber eindringlich: Du brauchst Regulation statt Perfektion, Räume zum Atmen statt zusätzlicher Erwartungen und eine Zeit, die deine unsichtbare Stärke würdigt, damit Altes kräftiger wird und auch Neues wachsen darf. In diesem Text erfährst du, warum der Frühling für neurodivergente Familien herausfordernd ist und welche Strategien dir wirklich helfen, sanfter durch diese Zeit zu gehen.
Frühling bedeutet Veränderung
Es gibt diesen Moment jedes Jahr:
Die Luft ist morgens noch kühl, die Farben werden wärmer und bunter, und irgendwo in dir macht sich dieses Gefühl breit, das du kaum greifen kannst. So ein “Ich sollte irgendwas verändern… aber ich weiß nicht was.”
Der Frühling ist eine Jahreszeit, die dich konfrontiert. Nicht hart, nicht aggressiv, eher leise, aber sehr ehrlich.
Vielleicht fragst du dich:
- Warum fühle ich mich gerade jetzt so müde?
- Warum ziehen mich Kleinigkeiten runter?
- Warum fühle ich mich gleichzeitig ausgelaugt und kribbelig unruhig?
- Wieso macht mich der Wechsel der Jahreszeit so sensibel?
Und während du versuchst, all dem Sinn abzugewinnen, tobt um dich herum weiter das Leben:
- Kita-Saison startet wieder und bringt neue Routinen.
- Schule nimmt Fahrt auf, Hausaufgaben werden ernster.
- Dein neurodivergentes Kind reagiert intensiver auf Temperatur-, Licht- oder Strukturwechsel.
- Und du selbst funktionierst… weil irgendjemand ja muss.
„Ich funktioniere nur noch“, sagst du vielleicht manchmal leise in den Raum, während du die Frühstücksbox füllst oder die Jacken vom Flur sammelst. Es ist dieser Satz, den so viele Frauen aussprechen und doch fühlt er sich jedes Mal wie ein Geständnis an. Aber vielleicht zeigt dir der Frühling genau das, was du so lange ignoriert hast:
Du brauchst eine eigene Reifezeit. Eine eigene Erntezeit. Eine eigene Veränderungszeit.
Veränderung – mehr wie das Farbspiel der Frühblüher
Frühling steht für Veränderung. Loslassen. Sanftes Abgeben von Lasten. Aufblühen.
Aber mal ehrlich: du würdest liebend gern auch einfach deine belastenden Gedanken abwerfen wie ein Baum seine Blätter – aber so funktioniert dein System nicht.
Zu viele Verantwortungen.
Zu viel Reizinput.
Zu viel „ich muss noch“.
Und dann gibt es da dieses Kind, das du über alles liebst .. und gleichzeitig fordert es dich auf einer Ebene heraus, die kaum jemand versteht. Neurodivergenz im Alltag ist manchmal kein so romantisches Thema. Es ist nicht immer „besonders schön“. Es ist nicht immer„bunt und kreativ“. Es kann auch oftmals:
- laut,
- intensiv,
- unberechenbar,
- emotional überflutend,
- voller Zweifel,
- voller Mikro-Entscheidungen,
- und unglaublich einsam.
Und du stehst mitten drin – wie ein Baum, der versucht, Stand zu halten, obwohl der Wind stärker wird.
Eine Mutter sagte einmal zu mir: „Ich habe keine Angst vor großen Krisen. Ich habe Angst vor den vielen kleinen Momenten, in denen ich nicht zusammenbrechen darf.“ Und genau da beginnt der Frühling dir etwas beizubringen, was du vielleicht vergessen hast: Veränderung passiert leise. Reife entsteht im Innen. Ernte hat nichts mit leisten zu tun. Und all das gilt sowohl für uns als auch für unsere Kinder.
Der Jahreszeitenwechsel als Nervensystem-Wechsel
Wenn du ein neurodivergentes Kind hast, weißt du: Jede kleine Veränderung im Außen ist eine große Veränderung im Innen. Viele dieser Kinder reagieren im Frühling intensiver, weil:
- Licht weniger wird (das beeinflusst Stimmung und Regulation)
- Routinen schwanken
- Schule oder Kita Konzentration und Flexibilität fordern
- Kleidung plötzlich „anders“ ist (Stoffe, Temperatur, Kragen, Socken… du kennst das Drama)
- Geräusche unterwegs sich verändern
- Feiertage, Laternenfeste, Ausflüge anstehen und den Rhythmus stören
- Reizüberflutung anders wahrgenommen wird
Und du?
Du wirst zum Regulator.
Zum Puffer.
Zur Stoßdämpferin.
Zur emotionalen Feuerwehr.
Aber niemand fragt:
Wer reguliert eigentlich DICH?
Denn dein Nervensystem funktioniert nicht getrennt vom deines Kindes.
Ihr seid miteinander verwoben.
Intim.
Tief.
Auf einer Ebene, die nicht jeder versteht.
Der Frühling macht die Nervensysteme beider Seiten sensibler.
Es ist nicht deine Einbildung. Es ist Biologie, Psychologie und Lebensrealität.
Ernte – warum jetzt?
Du denkst vielleicht: „Ernte? Julia, Es ist doch Frühling! Ich habe doch kaum etwas geschafft.“ Doch du hast so viel geerntet, was niemand sieht. Lass uns das mal anschauen:
Deine unsichtbare Ernte von dem was du schon erlebt und geschafft hast. Und gleichzeitig die Chance wie eine Blume im Frühling noch mehr zu wachsen und aufzublühen.
- Du hast dein Kind durch Situationen begleitet, in denen du selbst keine Antworten hattest.
- Du hast Grenzen gesetzt, nicht perfekt, aber mutig.
- Du hast Wutanfälle ausgehalten, ohne dich selbst zu verlieren.
- Du hast versucht, nicht in alte Muster zu rutschen.
- Du hast Termine jongliert, Mental Load getragen und trotzdem gelächelt.
- Du bist nachts aufgestanden, obwohl du tagsüber kaum noch konntest.
- Du hast Gespräche geführt, die an deiner Substanz genagt haben.
- Du hast dich bemüht, präsent zu bleiben, obwohl du innerlich erschöpft warst.
- Du hast nicht aufgegeben.
- Du bist da. Jeden Tag.
Und bevor du jetzt sagst:
„Ja, aber das macht man doch als Mama…“
Nein.
Das macht man nicht einfach so.
Das machst du, weil du Verantwortung trägst mit Herz, Mitgefühl und einer Art Stärke, die du selbst oft gar nicht mehr erkennst.
Eine Klientin sagte beim letzten Gruppenseminar:
„Meine Ernte ist, dass ich nicht aufgegeben habe, obwohl ich manchmal so müde war.“
Vielleicht ist das auch deine.
Warum deine Version wichtiger ist als jede perfekte Lösung
Reife hat in unserer Gesellschaft so einen Beigeschmack von:
- Selbstkontrolle,
- Gelassenheit,
- Weisheit,
- Ausgeglichenheit,
- und Haltung.
Aber wahre Reife, vor allem als Mutter eines neurodivergenten Kindes, sieht ganz anders aus.
Reife ist:
- zu spüren, wann es zu viel ist
- zu bemerken, wann du Pause brauchst
- Verantwortung so zu leben, dass du selbst nicht auf der Strecke bleibst
- deinen Perfektionismus nicht mehr füttern
- zuzugeben, dass du Hilfe brauchst
- anzuerkennen, dass deine Grenzen real sind
- deinem Kind Halt zu geben, ohne dich selbst zu verlieren
- deine Bedürfnisse wieder wahrzunehmen
- dich selbst nicht mehr als letztes Glied der Kette zu behandeln
Reife hat nichts mit Perfektion zu tun.
Reife ist Selbstfürsorge, Ehrlichkeit und Mut – in kleinen Schritten.
Und der Frühling ist die Jahreszeit, die dich genau dazu einlädt.
Veränderung beginnt nicht im Außen, sie beginnt in deinem Nervensystem
Wenn du wirklich etwas verändern willst, dann musst du nicht:
- eine neue Morgenroutine erfinden
- alles optimieren
- alle alten Baustellen gleichzeitig lösen
- spirituelle Sprüche inhalieren
- dich „positiver“ fühlen
Sondern du brauchst:
Regulierung statt Optimierung, und zwar traumasensibel. Verlangsamung. Räume dazwischen. Un-egoistische Selbstfürsorge. Alles in deinem Tempo. Genauso wie der Frühling nicht von heute auf morgen bunt wird, musst auch du nicht von heute auf morgen dauergrinsend durch die Gegens hüpfen.
Dein neurodivergentes Kind im Frühling und was du jetzt wissen darfst
Viele Mütter berichten mir, dass sie gerade im Frühling die Herausforderungen zu nehmen. Grenzerfahrungen für beide Seiten. In meinen Blogartikel „Wenn Kinder emotional „hochdrehen“ – Zusammen durch die intensive Vorweihnachtszeit“ gehe darauf genauer ein.
Mir ist es ganz wichtig zu sagen es liegt nicht an die und dein Kind ist auch nicht „schwierig“.
- mehr Meltdowns
- mehr Rückzug
- größere emotionale Ausschläge
- stärkere Reizempfindlichkeit
- Regression (alte Verhaltensmuster tauchen wieder auf)
- mehr Konflikte
- weniger Flexibilität
Das liegt NICHT daran, dass du etwas falsch machst.
Oder dein Kind „schwierig“ ist.
Oder du nicht genug gibst.
Es liegt daran, dass Frühling für neurodivergente Menschen oft:
- zu schnell,
- zu laut,
- zu wechselhaft,
- zu unberechenbar
- zu fordernd
ist.
Und du bist nicht die einzige, die das merkt.
Was du jetzt konkret tun kannst, um den Frühling sanfter zu gestalten
Ich gebe dir hier mehrere traumasensible, alltagsnahe und wirklich funktionierende Impulse – keine Esoterik, kein Druck, kein „du musst nur…“.
1. Mach Übergänge kleiner
Statt von „jetzt sofort“ zu „gleich“.
Statt 30 Minuten – 5 Minuten.
Statt 10 Aufgaben – 1 Aufgabe.
Kleine Schritte beruhigen jedes Nervensystem.
2. Routine light statt Routine perfekt
Neurodivergente Kinder brauchen Vorhersehbarkeit.
Du brauchst Flexibilität.
„Routine light“ verbindet beides.
3. Pufferräume einplanen
Nicht als Luxus –
sondern als Überlebensstrategie.
4. Reizreduktion zulassen
Dunkle Räume.
Leise Musik.
Rückzug statt „soziale Pflicht“.
5. Dein eigenes Nervensystem priorisieren
Was du fühlst, fühlt dein Kind.
Deine Regulation IST Co-Regulation.
6. Mikro-Pausen statt Me-Time-Druck
60–120 Sekunden wirken Wunder.
Ehrlich.
7. Grenzen weicher formulieren, aber klarer halten
„Ich kann gerade nicht schnell. Lass uns das langsam machen.“
8. Ernte sichtbar machen
Schreib dir jeden Abend 1 Sache auf, die gut war – nur für DICH.
Ein Ritual für dich: Die Ernte deiner Seele
Lass uns gemeinsam ein kleines Ritual machen.
Ein sanftes, einfaches, echtes.
**Schritt 1: Setz dich hin.
Schritt 2: Beine auf den Boden.
Schritt 3: Hand aufs Herz.**
Atme.
Stell dir vor, du stehst auf einem Feld im Frühling.
Deinem Feld.
Dort liegen keine Karotten, keine Äpfel, kein Weizen.
Sondern das, was du dieses Jahr getragen hast.
Vielleicht siehst du:
- Mut
- Aushalten
- Liebe
- Tränen
- Erschöpfung
- Stärke
- Weichheit
- Klarheit
- Überforderung
- Momente, die du überlebt hast
- Entscheidungen, die du getroffen hast
- Grenzen, die du versucht hast zu halten
- Situationen, in denen du dich selbst nicht im Stich gelassen hast
Das alles ist deine Ernte.
Du musst nichts davon schönreden.
Du musst nichts davon verstecken.
Du darfst alles davon würdigen. Deine Entscheidungen entscheiden über die Qualität deiner Ernte.
Wenn du spürst, dass du diesen Frühling nicht alleine gehen willst
Frühling ist eine Einladung.
Eine Einladung zu:
- Klarheit
- Aufblühen
- Wachstum
- innerer Reife
- echter Veränderung
Und vielleicht spürst du beim Lesen dieser Zeilen:
Ich will nicht mehr alles alleine tragen.
Ich brauche jemanden, der mich versteht, wirklich versteht.
Das ist kein Zeichen von Schwäche.
Es ist Reife. Es ist Veränderung. Es ist Frühling. Und euer Neuanfang.

